Radio Unerhört Marburg, Beitrag in "Klärwerk", Sendung
vom 31.12.1999
Im vergangenen Herbst überschütteten uns deutsche Medien mit endlosen Wiederholungen und Erinnerungen an den Fall der Mauer vor zehn Jahren.
Die Möglichkeit, Geschichte aus herrschender Sicht zu schreiben, wurde weidlich ausgenutzt. In einer Art Kronzeugenrolle durften sich daran auch einige ehemalige DDR - BürgerrechtlerInnen beteiligen und so tun, als habe oppositionelles Handeln in der DDR schon immer auf westliche Demokratie und deutsche Wiedervereinigung gezielt. Die oppositionellen Basisgruppen wollten jedoch einen demokratisierten Sozialismus in der DDR.
Etwa zwei Dutzend Aktive der ehemaligen DDR-Opposition veröffentlichten unter dieser Prämisse unlängst ein Buch mit dem Titel "Das war doch nicht unsere Alternative". Die Herausgeber Bernd Gehrke und Wolfgang Rüddenklau stellen in einem Vorwort den doppelten Zweck des Buches vor, "...einerseits einer breiteren Öffentlichkeit in Ost und West ein Mosaik jener DDR-Opposition und Bürgerbewegung vorzustellen, die dem gereinigten Bild des DDR-Bürgerrechtlers zum Opfer gefallen ist und damit andererseits die heutige gesellschaftliche - wenn auch wegen seiner Zersplitterung in der Gegenwart kaum wahrnehmbare - Fortexistenz dieses Spektrums zu belegen."
Auch wenn gesellschaftliches Desinteresse und der hohe Preis von 58 Mark den Zugang für eine breitere Öffentlichkeit verhindern, wird das Buch dem ersten Anspruch durchaus gerecht. Die inhaltliche Vielfalt des kleinen oppositionellen Milieus - es gab in der ganzen DDR ca. 3000 Aktive - wird in einzelnen Aufsätzen präsentiert.
Zwar liefern die AutorInnen keine umfassende Oppositionsgeschichte, dafür erhalten einige, sonst eher an den Rand gedrängte Strömungen Platz in diesem Buch. So werden die Schwierigkeiten einer unabhängigen DDR - Frauenbewegung ebenso dargestellt wie die Anfänge des autonomen Antifaschismus und Versuche der Selbstorganisation von lohnabhängigen Beschäftigten. Wohltuend ist der Verzicht auf eine omnipräsente Stasi-Hysterie sowie eine recht differenzierte Darstellung der DDR-Gesellschaft. Ein nostalgisches "Es war nicht alles schlecht" läßt sich ebensowenig finden wie die pauschale Dämonisierung der DDR als Unrechtsstaat.
Theorieinteressierte Menschen dürfen sich auch an einigen Texten zur Kritik der pseudosozialistischen Ökonomik erfreuen. Allerdings sind die Ideen zur Demokratisierung der zentralistischen DDR-Planwirtschaft aus heutiger Sicht eher uninteressant. Überhaupt liegt in mangelnden aktuellen Bezügen eine Schwäche des Bandes. Die versprochenen Belege für die Fortexistenz des basisdemokratischen Spektrums werden kaum geliefert. Die Mehrzahl der Beiträge ist auf den Zeitraum 1989/90 fokussiert. Nur in Einzelfällen wird die Entwicklung der folgenden Jahre nachgezeichnet, etwa am Beispiel der Totalverweigererbewegung. Bedauerlich ist auch die fehlende Reflexion der brutalen Zunahme von Rassismus und Nationalismus und deren tödlicher Konsequenzen nach 1990. Wenn etwa Mitherausgeber Wolfgang Rüddenklau anläßlich einer Buchvorstellung die Ossis als Opfer der Wiedervereinigung hinstellt und den gesellschaftlichen Rechtsruck damit erklärt, daß die DDR-Bevölkerung mit dem 1:1 Währungsumtausch bestochen worden sei, ist das nicht nur ignorant, sondern auch gefährlich. Die Konstruktion eines Volkes von betrogenen Ost-Deutschen kann einem linken emanzipatorischen Ansatz nicht dienlich sein. Hilfreicher ist da schon die Suche nach den Ursachen des politischen Scheiterns der linken Opposition in der DDR. In dieser Hinsicht finden sich in "Das war doch nicht unsere Alternative" einige Ansätze.
Die Auseinandersetzung mit den stalinistischen Gesellschaften und den
Erfahrungen der antistalinistischen Opposition ist für einen linken
Neuanfang längst überfällig. Unter diesem Blickwinkel ist
das ein lesenswertes Buch.
"Das war doch nicht unsere Alternative. DDR - Oppositionelle zehn Jahre nach der Wende"Herausgegeben von Bernd Gehrke und Wolfgang Rüddenklau, erschienen im Verlag Westfälisches Dampfboot Münster, Herbst 1999, 58 DM.