Rezension von Wolfgang Haug (Hg.): Angriff auf die Freiheit? Die Anschläge in den USA und die "Neue Weltordnung" Hintergründe, Meinungen, Positionen Trotzdem Verlag, Grafenau, Nov.2001

Eine Besprechung der Sendung "Lauschangriff"  bei Radio "Wüste Welle" vom 3.1.2002


Frage: Sollten sich die amerikanischen Intellektuellen mit ihrer Kritik an der US-Regierung zurückhalten? Chomsky:

Wenn sie den Zyklus der Gewalt weiter beschleunigen wollen und Gräuel wie die vom 11.September eher noch wahrscheinlicher machen wollen, dann mögen sie sich zurückhalten, das Denken einstellen und in ihrem Engagement für die ernstesten Probleme nachlassen. Ebenso, falls sie die reaktionärsten Elemente des politisch-ökonomischen Machtapparates in Plänen bestärken wollen, die sich zum Schaden zahlreicher Menschen hier und anderswo auswirken würden, ja, letztlich die Existenz der Menschheit gefährden könnten."

Waren die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon vom 11.September ein Angriff auf die Freiheit? Dieser Frage geht ein neuer Band des libertären Trotzdem Verlags nach. Mit Hintergrundinformationen, Analysen und Positionen versuchen sich die international renommierte kritische Autorinnen und Autoren der gestellten Frage zu nähern. Schaut man sich deren Namen genauer an, so drängt sich die Vermutung auf, daß die Titelfrage des Buches nicht mehr als eine Suggestivfrage ist. Sie lassen erahnen, dass in dem Buch wohl kaum die nach dem 11.September erzählte Leier von den Werten des Westens, von der Zivilisation und der Freiheit nacherzählt wird, sondern dass eine differenziertere und kritischere Geschichte zu erwarten ist.

Der aktuelle Band des Trotzdem Verlags versammelt wohlklingende Namen: Eduardo Galeano, Uri Avnery, Ariel Dorfman, Arundhati Roy, Robert Fisk, Saskia Sassen, Vandana Shiva, Martin A. Lee, George Montbiot, Tariq Ali und nicht zuletzt Noam Chomsky, der wohl bedeutendste intellektuelle Kritiker der Weltmachtpolitik der USA. -

Schon im ausführlichen Vorwort des Herausgebers Wolfgang Haug, das verschiedenen Fragen nach den Anschlägen, deren Tätern und den kriegerischen Reaktionen insbesondere der USA nachgeht, wird die Sichtweise eines Angriffs auf die Freiheit kritisch hinterfragt. Die durch nichts zu rechtfertigenden Anschläge können nach Haug nicht als Angriff auf die positiven Werte des Westens wie Freiheits- und Menschenrechte oder Demokratie betrachtet werden, sondern sie können nur als ein Angriff auf die Vereinigten Staaten als Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen der einzig verbliebenen Supermacht analysiert werden. Gerade die Mißachtung von selbst hochgehaltenen Werten im Rahmen einer globalisierten Ökonomie und der damit verbundenen politischen und kriegerischen Machtpolitik seitens der westlichen Staaten macht die Sichtweise eines Angriffs auf die Freiheit und die darauffolgende Rede von der bedingungslosen Solidarität zur bloßen Propaganda. -

Das Ziel des Herausgebers und der versammelten Beiträge ist demnach darin zu sehen, politische Denkweisen zu denunzieren, die die verheerenden Ereignisse des 11.September zum Abbau demokratischer Freiheiten oder zur Militarisierung der Gesellschaft instrumentalisieren wollen. Die Aufsätze im Buch beschäftigen sich aber auch mit einer politischen Bewertung der Anschläge und des Bin-Laden-Terror-Netzwerks. Im Mittelpunkt stehen jedoch Thesen und Analysen über die Ursachen dieser Anschläge und die Kritik von Sinn und Legitimität des darauffolgenden Anti-Terror-Krieges in Afghanistan. Gefordert wird statt Krieg ein Weltgerichtshof, vor den die Verursacher von terroristischen Anschlägen gebracht werden, aber auch Regierungen wie die Vereinigten Staaten für ihre völkerrechtswidrigen Kriege. -

Die große Qualität des Buches ist sicherlich das hochkarätige Spektrum an kritischen Stimmen aus den USA, aus Asien und Lateinamerika. Herausragend im Buch sind für mich zwei Texte: "Das Theater von Gut und Böse" von Eduardo Galeano, eine literarisch und moralisch bestechende Abrechnung mit der Verlogenheit und Brutalität der US-Politik und deren Feindbildkonstruktionen sowie der vielbeachtete und vieldiskutierte Artikel "Die Algebra der grenzenlosen Gerechtigkeit" der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy. In diesem Text, an dem sich der Trotzdem-Verlag die Rechte sichern konnte und der bereits kurz nach dem 11.September erschien, überzeugte Arundhati Roy durch glaubwürdige und scharfe Kritik. An ihrer These, daß US-Präsident Bush und Osama Bin Laden bösartige Zwillingsbrüder seien, fand gar auch Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert Gefallen, was ihm prompt fast zum Verhängnis wurde. Niemand wollte zu dieser Zeit etwas über die geistige Verwandschaft eines vom CIA hochgezüchteten saudischen Terroristen mit den Denkweisen und Machtfantasien eines US-Präsidenten wissen. -

Viel ist in den vergangenen Wochen spekuliert, gesagt, geschrieben worden. Manche werden längst müde sein von den Informationen über Terror und Krieg, Rache und Vergeltung, Gut und Böse. Dennoch bietet das Buch "Angriff auf die Freiheit?" Sichtweisen, die den regierungsoffiziellen Erklärungen, den medialen Inszenierungen und den meisten wissenschaftlichen Herleitungen wohltuend und erkenntnisbringend entgegenstehen. -

Etwa die Beiträge des Londoner Journalisten und Nahostexperten Robert Fisk, der es als eines der tragischsten Ereignisse seit dem 2.Weltkrieg und Vietnam ansieht, daß die mächtigste Nation der Erde das am meisten zerstörte, verwüstete, hungergeplagteste und tragischste Land der Erde mit B52s bombardierte. Und dabei genau die Menschen als Terroristen bekämpft, die es wenige Jahre davor gegen die Sowjets als Freiheitskämpfer aufbaute. Die Taliban als besonders fanatische, ultrapuritanische und äußerst brutale Machthaber und Menschenrechtsverletzer waren für die US-Regierung noch bis kurz vor Kriegsbeginn ein Garant der Stabiltät in Afghanistan. Wer als Journalist auf solche Widersprüche hinwies, schreibt Fisk, musste nicht nur persönliche Attacken ertragen, sondern wurde des Antiamerikanismus und scheinbar folglich des Antisemitismus bezichtigt.

Bemerkenswert auch der Artikel von Uri Avnery, der das einzige Rezept gegen Terrorismus in der Bekämpfung dessen Ursachen sieht: "Man kann eine Million Moskitos töten und Millionen weitere werden ihren Platz einnehmen. Um sich davon zu befreien, muss man die Sümpfe trockenlegen, in denen sie sich fortpflanzen und der Sumpf ist immer politisch." -

Saskia Sassen sieht die Terroranschläge vom 11.September nur als weiteres extremes Beispiel, wie die ungezügelte Globalisierung immer mehr auf die mächtigen Staaten des Nordens zurückschlägt. Statt mit einer weiteren Eskalation der Gewalt und einer Stabilisierung eines ungerechten ökonomischen Weltsystems zu antworten, plädiert sie für einen echten Internationalismus und Multilateralismus sowie für radikale Innovationen und neue Zusammenarbeit im Rahmen der Zivilgesellschaft und der supranationalen Institutionen. Der Westen müsse für die vom ihm selbst verursachte Schuldenfalle und den ständig wachsenden weltweiten Migrationsdruck die politische Verantwortung übernehmen.

Das humanitäre Mäntelchen, in dem der US-Krieg gegen Afghanistan anfangs daher kam, entkleidet der US-Amerikaner George Montbiot: Mit dem Abwurf von Nahrungsmittelpäckchen aus 200 000 Fuss Höhe und dem gleichzeitigen Kriegsbeginn haben die USA und Großbritannien ein möglicherweise effektives Hilfsprogramm beendet und durch eine unnütze Geste ersetzt. Die abgeworfenen Nahrungspakete reichten in ihrer Gesamtheit gerade mal zur Deckung eines Viertels des Bedarfs für alle Hungernden aus – und das wohlgemerkt nur für einen einzigen Tag. Montbiot folgert daraus: "Gesten machen nicht satt. Hunger verlangt kein symbolisches Geschenk. Hunger verlangt Nahrung, nicht den Anschein von Nahrung."

Wiederum last but not least, bietet der Band Texte und Thesen von Noam Chomsky. Der US-amerikanische Liguistik-Professor gilt als bedeutendster Kritiker der US-Außenpolitik. Chomsky räumt ein, daß im Verlauf des Kriegs in Afghanistan eine gewisse Zurückhaltung seitens der Vereinigten Staaten geübt worden sei, weil keine ausreichenden Beweise für die Tatbeteiligung des Bin-Laden-Netzwerks vorgelegt werden konnten und weil sich deswegen auch in den Bush-Regierung die Erkenntnis durchgesetzt hätte, daß eine Ausdehnung des Kriegs auf die Zivilbevölkerung nur zur Entstehung neuer Terrornetzwerke führen würde. Im gleichen Atemzug kritisiert Chomsky aber die von den USA durchgesetzte Einstellung der Nahrungsmittellieferungen für die notleidenden afghanische Bevölkerung zu Beginn des Kriegs auf das Schärfste. Daran sei zu sehen, wie es mit der Zivilisation, die der Westen so hoch hält, bestellt sei. Den jahrelangen systematischen Aufbau von islamistischen Terrorgruppen seitens der CIA und anderer US-Institutionen sieht Chomsky als Ersatz bzw. Fortsetzung des Kalten Kriegs, dessen Ziel die Stabilisierung US-amerikanischer vitaler Interessen in der arabischen und zentralasiatischen Region sei.

Soweit zum Inhalt des Buches. - Einziger Wermutstropfen des Buches ist vielleicht das Titelbild, das die brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers zeigt. Dabei stört nicht, daß auch ein Buch eines libertären Verlags dieses Bild des Schreckens zeigt. Was stört, ist, daß dieses Bild der brennenden und einstürzenden Türme so oft und so penetrant in allen möglichen Fernsehsendern, Zeitungen und Zeitschriften zu sehen war, daß man es sich irgendwann nicht mehr anschauen will, weil es dadurch nicht nur zum Symbol einer grauenhaften Tat wurde, sondern auch zum Symbol der Schreckensbilder produzierenden Medienmaschine und der propagandistischen Kriegslegitimierung. Vielleicht hätte es sich ein libertärer Verlag deswegen sparen können, dieses Bild ebenfalls zu bemühen und stattdessen die Kritik an selbstmörderischen Massenmördern visuell anders inszenieren können.

Nun Nochmal zum Mitschreiben: Angriff auf die Freiheit? Die Anschläge in den USA und die "Neue Weltordnung". Hintergründe, Meinungen, Positionen. Herausgegeben von Wolfgang Haug im Trotzdem-Verlag Grafenau im November 2001. Das Buch hat 128 Seiten und kostet 12 Euro.